Pfannkuchen mit Polaroids

Hans-Gerd Hahn hat eine originelle Idee realisiert: die »Galerie auf Zeit«. Leerstehende Geschäftsfläche wird solange für Performances, Ausstellungen und Musikveranstaltungen genutzt, bis sich ein neuer Mieter findet.

Hans-Gerd Hahn – ein begeisterungsfähiger Kommunikator; ein kultivierter Wanderer im Stadtverkehr und Literaturexpert, der einen dazu bringen kann, das, worüber er spricht, sofort zu kaufen – ist der Initiator eines außergewöhnlichen Konzeptes. Sieht er irgendwo leerstehende Ladenfläche, erkundigt er sich bei den Vermietern, ob die Möglichkeit einer Zwischennutzung besteht – bis zum Einzug des nächsten Interessenten. Erhält er die Einwilligung, entsteht eine »Galerie auf Zeit«. Studenten der HBK, demnächst zum Beispiel aber auch Künstler aus Köln oder Berlin, Literaten, Performancekünstler oder Musiker werden aktiviert, und innerhalb kürzestmöglicher Zeit entstehen anregende Ausstellungen, Aktionen und Happenings. Der Bekanntheitsgrad der Immobilien steigt, und viele Künstler erhalten ein Podium, das sie sonst nicht hätten.

»Die Idee hat keinen kommerziellen Hintergrund«, so Hans-Gerd Hahn. »Wir möchten nicht mit den ansässigen Galeristen konkurrieren. Die Galerie auf Zeit ist im emphatischen Sinne amateurhaft. Es geht einfach darum, dass es stattfindet.«

Ende Juni wird dann das Ende der Galerie mit einer Abbruchsparty gefeiert. Weiter geht es in einem Raum der Markthalle in der Wilhelm-Bod-Straße und zusätzlich an einem zweiten, noch nicht bekanntgegeben Ort. Weitere Angebote nimmt Hans-Gerd Hahn – übrigens Studienrat an der Raabeschule – gerne unter Telefon 2 70 26 57 entgegen.

Michael Völkel   COCKTA!L   Das Magazin der Region   6/2000

 

Kulturelle Wanderdüne: Provisorium als Prinzip

Galerien der Stadt (Teil 13): Die Galerie auf Zeit – Braunschweigs wechselhafte Adresse für Kunst

Erst seit anderthalb Jahren Galerist, und schon zweimal umgezogen. Hans-Gerd Hahn wechselt seine Ausstellungsräume wie andere den Staubsaugerbeutel. Sein rastloses Nomadentum ist sozusagen freiwillig unfreiwillig, weil durchs Konzept bedingt: Die "Galerie auf Zeit", eine kulturelle Wanderdüne.

Kunst in leerstehenden Geschäften, eine ldee, mit der Hahn nicht nur die Kreativen überzeugen konnte, sondern auch Makler und Vermieter, die mit der ungewöhnlichen Nutzung den Blick auf ihre Immobilien lenken können. Mietfrei stellen sie ihre Ladenzeilen dem Projekt zur Verfügung, und wenn das Konzept aufgeht, werden schon bald Interessenten aufmerksam, und die Galerie auf Zeit muss wieder einpacken.

Auf diese Weise hat sich der zigeunernde Kulturbetrieb mittlerweile an seiner dritten Station provisorisch heimisch eingerichtet: Nach dem Bäckerklint und dem Kennedyplatz nennter er nun das Atrium-Bummelcenter vorübergehend seine Bleibe. Gleich zwei Geschäfte, die Hausnummern eins und zwölf, gelten derzeit als Braunschweigs Adresse für befristete Kunst.

Hans-Gerd Hahn, der gleich in der Nähe wohnt, könnte sich einen längeren Aufenthalt gut vorstellen: "Die Räume sind ideal", sagt er mit einem zufriedenen Blick auf die vorgefundenen Bedingungen: viel Wand, viel Schaufenster, Ansonsten ist die zugige Architektur des einst so hoffnungstragenden Quartiers an der Kurt-Schuhmacher-Straße nicht gerade ein Umfeld, in dem man Vernissagen erwartet. Eine Betonmeile, in der die Passanten meist ein schärferes Tempo anschlagen als den empfohlenen Bummeltrott.

Doch Galerist Hahn ließ sich positiv überraschen: "In den zwei Monaten, die wir hier sind, hatte ich viele gute Gespräche mit den Leuten aus der Nachbarschaft. Das Interesse für Kunst ist auf jeden Fall da." Ansonsten verlässt sich die mobile Galerie sowieso darauf, dass ihre Fans sie finden. In seiner ehrenamtlichen Galeristentätigkeit stellte Hahn in den vergangenen 18 Monaten einen regen Ausstellungsbetrieb auf die Beine. Künstler aus dem Bundesgebiet nutzten die Räume ebenso wie Studenten und Absolventen der Hochschule für Bildende Künste. "Wir haben hier in der Stadt ein ungeheures Potenzial. Ich finde, das sollte man den Leuten auch zeigen", sagt Hahn.

Was er auch tut. Und zwar an drei Nachmittagen und einem Vormittag in der Woche. Der Kunst bereitwillig geopferte Freizeit, denn eigentlich ist Hans-Gerd Hahn Lehrer für Deutsch und Politik an der Raabe-Schule. Doch schon früh begann der gebürtige Remscheider, über das Lehrerpult hinwegzublicken, organisierte Lesungen und Ausstellungen, brachte Bildende Künstler und Literaten zusammen und fühlte sich in dieser kulturbeseelten Gesellschaft pudelwohl. Vor anderthalb Jahren dann der große Schritt, der mit einem ganz kleinen begann: "Eigentlich suchte ich nur einen Ausstellungsraum für meinen Freund Harald Zimmer, dessen Arbeiten ich sehr schätze", gibt er [zur] Entstehungsgeschichte der Galerie auf Zeit zu protokoll. Schon bald erkannte er das Potenzial leerer, wechselnder Geschäftsräume, die den Künstlern ein immer neues Spannungs- und Inszenierungsfeld bieten. Also erhob er das Provisorium zum Prinzip.

Der Galerie auf Zeit soll nun auch bald ein Atelier auf Zeit folgen, in dem Künstler öffentlich arbeiten. Außerdem sind Konzerte und Lesungen geplant. "Weiter expansorische Gedanken, etwa in anderen Städten, liegen mir fern. Schließlich habe ich ja auch einen Beruf, der mir sehr wichtig ist", stellt der 53-Jährige klar, der sein Doppelleben mit beherzter Unterstützung seiner Frau Ingrid betreibt.

Wenn sich Doktor Hahn in Mister Hyde verwandelt, treibt das zuweilen seltsame Blüten: Unlängst begeisterte sich der Teilzeitgalerist auf dem HBK-Rundgang für eine Arbeit der Studentin Nina Wagner, einen Minotaurus in Lebensgröße. Am späten Abend – weil wenig Verkehr – schob und zog er das sperrige Vieh auf Rollen zu seiner Galerie. Am nächsten Montag sprach ihn eine Schülerin mit skeptischer Miene an: "Herr Hahn, kann es sein, dass ich sie in der Nacht von Freitag auf Samstag mit einer Kuh in der Stadt gesehen habe?" Künstlerpech.

Irina Neulen   Braunschweiger Zeitung

 

Arthopping in Braunschweig

Hans Gerd Hahn ist seit fast drei Jahren im Nebenberuf Galerist und sucht ständig nach leerstehenden Geschäften.

Kunst in leerstehenden Räumen, das ist eine Idee, mit der schon in der Vergangenheit es manchen gelang, Makler und Vermieter zu überzeugen und selbst endlich auch ausstellen zu können. Mietfrei müssen natürlich solche Ladenzeilen für Künstler zeitweise zur Verfügung stehen, sonst macht es keinen Sinn. Aber es klappte eben schon früher und hatte da noch keinen Namen. Nun nennt man es "Arthopping" und will damit nicht nur Künstlerinnen und Künstler neue Ausstellungsmöglichkeiten schaffen, sondern auch die Infrastruktur verwaister Ladenstraßen aufmöbeln und sie wieder attraktiv machen. "Galerist auf Zeit" Hans Gerd Hahn schreibt: "Als wir unsere vorletzte Ausstellung aufbauten und schon während ich in einem Vorgespräch unser Galeriekonzept vorstellte, verwendete die Künstlerin Ilse Hilpert immer wieder den Begriff des "Arthoppings", mit dem ich bis dato garnichts anfangen konnte. Nun zum Abbau wies sie mich auf die neuste Ausgab von "Atelier" hin. Ich war und bin erstaunt und auch erfreut, dass dort genau die Idee vorgestel wird, nach der ich seit nunmehr fast drei Jahren unser Projekt der "Galerie auf Zeit – Räume für Kunst" betreibe.

In ungefähr monatlichem Wechsel fanden seitdem Ausstellunge statt, zusätzlich gab es ab und an Künstlergespräche, Lesungen und Konzerte.

Für unsere aktuelle Aktion nutzen wir neben unserer "Stamm-Galerie" zwei weitere große Läden. Fest geplant sind die nächsten vier Ausstellungen und manches ist im Gespräch.

Nach dem Artikel in Ihrer Zeitschrift dachte ich, dass Sie meine Reaktion vielleicht interessiern könnte.

Schön, dass sich so ein Begriff bekannt macht. "Atelier" ist auf weitere "Galeristen" und Arthopping-Künstler gespannt.

Atelier   Die Zeitschrift für Künstler   2/2003

 

Mir kommt es darauf an, dass Kunst stattfindet

Premiere war im April 2000: Am Bäckerklint beim Eulenspiegelbrunnen eröffnete die erste Braunschweiger »Galerie auf Zeit«. Das Konzept: leerstehende Ladengeschäfte als Ausstellungsräume für Moderne Kunst zu nutzen.

Hans Gerd Hahn: »Als ich das Projekt in Gang setzte, ging es mir darum, dass in Braunschweig mehr aktuelle Kunst stattfindet.« Die Stadt hat Künstler, die Stadt hat Potential. Sie hat die Hochschulte für Bildende Künste. Was die Stadt im Übermaß nicht hat, sind Ausstellungsräume, dafür aber Leerstand an Verkaufsräumen. Kunst sucht Laden. Wo immer sie sich auch niederlässt: Die Gaterie ist ein Blickfang. Sie wertet die Geschäftszeile auf: »Zu unseren Eröffnungen sind immer viele Besucher da. Das schafft Öffentlichkeit. Die Ladenbesitzer werden auf den Einladungskarten erwähnt und im Fenster hängt selbstverständlich der Hinweis, dass die Räume zu vermieten sind.« Inzwischen hat die Galerie schon einige Stationen hinter sich: Kennedy-Platz, Atrium Center, Bankplatz. Hahn ist Lehrer von Beruf. Leistet er sich die Galerie aus purem Idealismus? »Nein, das ist ganz egoistisch. Ich mache das, weil es mir Spaß macht.«

Unterstützung erhält er von Frau und Freunden. Mal hat die Öffentliche Versicherung ausgeholfen, mal die Öffentliche Hand. Die Weinhandlung La Vigna, die sich von Beginn an für uns eingesetzt hat, und die Privatbrauerei Härke stiften Wein und Bier. Der Verkauf deckt Strom und Heizkosten. »Wir können es uns nicht leisten, auch nur eine Spur von Miete zu zahlen.«

Hans Gerd Hahn hat Arbeiten von freischaffenden Künstlern sowie Meisterschülern ausgestetlt und auch ganze Klassen der HBK. Jedes Jahr gibt es den sogenannten »Herbstsalon« mit 8-12 Künstlern. Es existieren Kontakte zum Kunstverein Emmerich bei Düssetdorf.

maru in Transparent 44 – Kultur-Magazin der IHK Braunschweig, November 2008

 

Leer stehende Läden in Braunschweig laden zum Besuch ein.

Eine pfiffige Idee ist es in der Tat: In leer stehenden Läden der Innenstadt Kunst zu zeigen. So kann in einem ungewöhnlichen Umfeld auch einem Personenkreis, der sonst eher keine Ausstellungen besuchen würde, Kunst nahe gebracht werden. Der Braunschweiger Studienrat Hans Gerd Hahn hatte vor zehn Jahren diese Idee.

Seine "Galerie auf Zeit" hat mittlerweile in elf verschiedenen Läden in Braunschweig vorübergehend gastiert. Dabei wurden bisher rund 100 Ausstellungen gezeigt. Hahn: "Wir wandern mehr oder weniger von Leerstand zu Leerstand". Bei den Ausstellungen arbeitet Hahn auch mit der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig (HBK) zusammen.

Für die Nutzung der Läden zahlt Hahn, der seit Kurzem von einem Förderverein unterstützt wird, keine Miete, sondern nur die laufenden Nebenkosten. Seit einem Jahr gibt es die "Galerie auf Zeit" nun in der Friedrich-Wilhelm-Straße in Braunschweig.

Klaus Sievers  Das Regional-Journal   5/09

 

Hier darf die Kunst auch mal klotzen

Die Galerie auf Zeit geht mittlerweile in ihr dreizehntes Jahr. Da darf man ruhig mal darüber schreiben, dass sich die Idee, leer stehende Geschäftsräume bis zu deren Neuvermietung nicht dem Donröschenschlaf anheim fallen, sondern diese kunstvoll bespielen zu lassen, bewährt hat. Leerstände verströmen ja gern, zumal mitten in Innenstädten, einen verlotterten, irgendwie sterbenserbärmlichen Eindruck. Pulsierendes Großstadtleben sieht anders aus.

Insofern erzählen diese mietfreien Kunsträume auf Zeit eine klassische Win-Win-Geschichte. Galerist Hans Gerd Hahn ist im Laufe der vergangenen Jahre oft umgezogen, man könnte ihn als Braunschweiger Kunstnomaden bezeichnen. Sein Motto: Was frei ist, kann zur Galerie werden. Wer wie Hahn und sein enthusiastischer Mitstreiter und HBK-Absolvent Anton Soloveychik so sympatisch unkompliziert zu Werke geht, der stemmt auch schon mal binnen einer schmalen Woche, die zwischen der Zusage des Eigentümers für die XXL-Räume und der Vernissage vergingen, eine große Ausstellung.

Die Aufsicht während der Öffnungszeiten wuppen die zwei auch gleich mit, wenngleich sie sich über Verstärkung freuen würden. Kleiner Lockvogel für HBK-Studenten: Man kann prima Kontakt zum eigenen Publikum knüpfen!

Auch die Zweitadresse ist wie immer mitten drin: Links eine Tanzschule, rechts ein asiatischer Lebensmittelladen, oben Büros, Praxen. Knapp 30 Künstler der Galerie, einige Gäste und HBK-Studenten stellen unter dem Titel "Umschau" aus.

Susanne Jasper   Braunschweiger Zeitung   09.01.2013